"funk den ernst"
titel/mp3

springbrunnen
etüde in f
nasses gedicht
lyrik
der busch
vater kommt
mahlzeit
die tassen
die beiden hunde
nachtstück mit blumen
die klagenden dinge
springbrunnen
notizen
morgenrot


booklet:
12 seiten
durchgehend
4 - farbig

vorschau 1
vorschau 2
vorschau 3
vorschau 4
ISBN 3-8218-5157-0 ### Texte: Ernst Jandl ### Musik: Peter Böving ### Länge: 47 Min.
gesang:
bettina marugg,
susanne philips,
severin von hoensbroech

sprecher:
frank heuel,
bettina marugg,
severin von hoensbroech,
frank meyer,
oli iserloh,
peter böving,
martin begall,
manfred adomat,
laas abendroth,
stefanie herrmann,

flöte:
evelin degen

baßklarinette, tenorsaxphon:
veit lange

gitarren, bässe,
banjo, violine,
tasteninstrumente,
schlagwerk
:
peter böving

schlagzeug:
laas abendroth,
peter eisold

mastering, produktion:
peter böving







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Jazzpodium Mai 2001

lyrisch, kryptisch, rhythmisch: nun funkt er den ernst. zwei matratzen wiehern plötzlich wie kühe und werden von einem amtsrat in die mütze gemolken. peter bövings zweiter jandl-streich ist wiederum die fortsetzung der rezitation mit anderen mitteln, im fortgang zur letzten cd jandls ernst diesmal näher am groove als an der collage. des dichters ernst jandl tragikomische versuche, sprachhülsen zu entlarven, sprachschwulst zu entsorgen und sprachbarrieren zu überspringen, finden ihr frappantes pendant in metrischen experimenten, lautmalernden klängen und fragmentarischen melodiefetzen. da nimmt ein trocken schepperndes schlagzeug die sprechrhythmen auf, unterstreichen, persiflieren und konterkarieren bassklarinette, tenorsaxophon, flöte und gitarre die monstrosität der zeit. ein kinderliedmotiv hebt die banalität des bösen ins bewusstsein und ein schwer marschierender e-bass die alltäglichkeit der gewalt. jandls "nasses gedicht" schließlich hat in peter bövings version postmoderner musikalität alles zeug zum kultverdächtigen sommerhit für all jene, die auch nicht gerne baden gehen.

Dr. Tobias Böcker



Selten so gehört

...Hier bleibt keiner verschont, auch Polt selbst nicht.
Apropos Kleinkunst. Der deutsche Komponist Peter Böving hat mit "Funk den Ernst" nun bereits seine zweite musikalische Auseinandersetzung mit dem Schaffen Ernst Jandls auf CD vorgelegt:
eine staunenswerte Mischung aus rhythmisierter Rezitation und melodischen Fragmenten, aus - siehe Titel - Funk und Jazz. Phantasie und Witz nicht zu vergessen, die es beispielsweise braucht, um Jandls Gedicht "Die Tassen" mit einem "Besteck der Marke WMF auf einem Kaffeeservice aus dem Hause Seltmann Weiden" zu akkompagnieren.

Von Wolgang Freitag
"Die Presse" (Wien) Samstag 14.April 2001 unter: Das neue Buch



ERNST MACHT SPASS:
ES JANDLT WIEDER

Dem Konzept der Verquickung von Jazz und Lyrik war Ernst Jandl zeitlebens geneigt.
Dass die heutige Technik raffinierte Soundverquickungen erlaubt, als sie im Wien der fünfziger und sechziger Jahre möglich waren, hat Peter Böving zu einer Fortführung animiert. Resultat sind lustvolle Collagen ohne überbordende Elektronik. Noch immer wird die Musik mit der - vielfältig instrumentierenden - Hand gemacht.
Oder mit dem Mund - abwechslungsreich durch neun Rezitatoren, die sich solo und in chorischen Varianten Jandls Sprachkunst aneignen.
Wahrlich "eun stöck zöcker", dieser pointiert explodierende "Poetry Dance"

eNTe
"TICKET" (Berlin/Potsdam)
15.-21. November 2001 unter: LITERATUR "HINHÖREN"



music-scene (Schweiz)
Ernst Jandl/Peter Böving
«Funk den Ernst»
(Eichborn-Verlag/Shower Records, www.showerrecords.com)

«Das Leben als ein schönes, langes Saxophonsolo, das wäre nicht schlecht.» Dies sagte der österreichische Dichter Ernst Jandl (1.8.1925 - 9.6.2000), und ich benutze es mal als Einleitung für die Kurzbesprechung dieser CD. Weil: «Funk den Ernst» beschäftigt sich mit den Texten dieses Wortakrobaten und Satzverbiegers, Hintersinners und Wegdenkers und liefert gleichzeitig ambivalente Klänge als Hinter-, Vorder- und Nebengrund. Grundlos. Aber passend. Poesie und Musik, Literatur für die Beine, Klänge für den Intellekt. Der Jazzmusiker Peter Böving, der schon Erich Kästner vertonte und sich 1999 zum ersten Mal an Jandl heranwagte («Jandls Ernst», ebenfalls im gleichen Verlag erschienen), schrieb erneut einen Soundtrack aus jazzigen, funkigen und avantgardistischen Sounds, während SchauspielerInnen die Texte dazu vortragen, -singen, -schreien, -japsen und was der kehlkopfmässigen Möglichkeiten sonst noch sind. Einzeln und alle neune. Doch Vorsicht: Jandl hält nichts von Grammatik. Im Gegenteil: Seine «Lyrik ist die pure Lust am Sich-Öffnen des Mundes und an dem, was dabei an Silben herausfällt ...» (Marianne Weber). Und Böving spielt sogar mit Tischbesteck auf einem Kaffeeservice. Als Abschluss noch ein Jandl-Schmankerl: «Auch Badehosen trug ich nur mit Scham, weil drin mein Genital nur wenig Raum einnahm.»

(bb)
Veröffentlicht auf: http-//www.music-scene.ch/tontr



"Funk den Ernst" von Ernst Jandl, Showerrecords

...Wer "Funk den Ernst" gehört hat, der weiß, dass auch Wörter wie "dünnschiß", "arschloch" und "stotterpissen" musikalisch-poetisch sein können.
Jandlscher Sprechgesang vom Feinsten.

Agnieszka Golosch
Veröffentlicht auf: http-// www.3sat.de



HÖRTEST
Peter Böving: Funk den Ernst (shower records/Eichborn):

Dies ist die zweite CD, in der der Duisburger Bassist Peter Böving die Texte von Ernst Jandl vertont. Und wie beim ausgesprochen erfreulichen Erstling "jandls ernst" findet er eine gelungene Synthese zwischen dem mal skurrilen, mal bitterbösen Humor der Texte und einer jazznahen Musik. Wobei das "Funk" programmatisch zu verstehen ist: Diesmal liegt der Akzent durchaus auf tanzbaren Rhythmen, zu hören zum Beispiel an der Neufassung der "etüde in f". Die Glanzstücke der neuen Platte liegen freilich anderswo: Beim melancholisch eingefärbten Groove des "Nassen Gedichts". Beim gesampelten Geräusch-Beat der "Tassen". Bei der Wut, der Wucht von "Morgenrot", einem Altersgedicht, in dem Jandl die jungen wilden Punker ganz schön halbstark aussehen lässt und dem Böving ein krachendes Klangkleid maßgeschneidert hat. Man höre nur die Variationen auf die Wortkreation "Stotterpissen"

Dr. Ralf Stiftel
Westfälischer Anzeiger vom 10.07.2001



Literaturhaus Österreich

Die "laute Braut", das war für Ernst Jandl (1925-2000) der Jazz, und seit seiner Verlobung in den 50er Jahren lebte er mit ihr mehr oder weniger in wilder Ehe zusammen. Sie "hält mich am Leben", hat er einst, unspektakulär, aber nachdrücklich genug, über diese Musik gesagt. (Aufsehenerregend hingegen waren die Konzerte, die Jandl seit Mitte der 60er Jahre in wechselnder Zusammenarbeit mit verschiedenen Jazz-Gruppen gab.) Und nun stimmt dieser Satz noch einmal (anders), denn in den beiden Jandl-CDs, die bisher von Peter Böving und seiner Gruppe erschienen sind ("jandls ernst", 2000, "funk den ernst", 2001), tanzen und hinken die Wortfiguren und Versgestalten des Dichters munter daher wie eh und ewig frisch bis in die letzten Rüschen und Falten ihrer Wortröcke.

Bereits zu Beginn der neunziger Jahre ist Peter Böving mit Bühnenprogrammen durch Europa getourt, später wurden "Das Kästner Projekt" und "Anatomie Titus" in CD-Versionen transponiert. Nach Erich Kästner - der Titel der CD lautet "gute Musik macht einsam" - und Heiner Müller vertont Böving seit 1995 auch Texte von Ernst Jandl (siehe auch die Website unter www.jandlsernst.de). Die bisherigen Produktionen konnten sich allesamt einer einhellig begeisterten Zustimmung von Seiten der Kritik und des Publikums erfreuen. Im Fall der letzten Jandl-CD bringt sich diese Begeisterung bündig auf den Punkt: "Wahrlich 'eun stöck zöcker' , dieser pointiert explodierende Poetry Dance", hieß es da beispielsweise. Und tatsächlich: Es passt alles zusammen, in diesem innerlich auseinanderdriftenden Wort-Laut-Ton-Kunstwerk. Eine subtile und behände Orchestrierung der Jandlschen Leichtigkeit und (zuweilen melancholischen) Ironie, wie sie in den ausgewählten Gedichten dieser CD vorwiegen, bietet sich dem/der HörerIn dar. "hölzerne knaben werden über nacht zu vaselinlöwen [...] die mädchen essen mit stimmgabeln." Oder etwa "die klagende seife meingott die weiße klagende seife"! Durch ein abwechslungsreiches Zusammenspiel von Stimmen und Texten, von Instrumenten und Geräuschen wird hier auf mannigfache Art die Lust an den Texten (erneut) geweckt. Allein die Vielzahl der unterschiedlichen Stimmen und Stimmeinsätze ist erstaunlich: Die Texte werden gesprochen, gesungen, rezitativisch vorgetragen, flehentlich geseufzt, klagend gestöhnt, mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Rhythmen, als Solo oder in collageartigen Überlappungen, dazwischen wird gehüstelt, geräuspert, gezischt. Entsprechend facettenreich ist das Spektrum auf instrumentaler Ebene. Ein sparsamer Einsatz von Geräuschen unterstreicht den heiteren Collagecharakter des Ganzen. Dass da auch Besteck und Kaffeeservice, das im Gedicht von Jandl ("die tassen") "hünuntergefollen" ist, zum Einsatz kommt, folgt nur einer inneren Logik dieser Aufführungspraxis. Es werden nicht semantische Inhalte der Textebene auf der Ebene der Musik kopiert (wie man es als billigen Verdoppelungseffekt kennt), sondern analog zu Jandls Zerlegungs- und Erfindungspraktiken werden spielerisch Möglichkeiten des eigenen Mediums realisiert.

Der lustvolle Aspekt des fantasievollen Umgangs mit Texten und Tönen wird im Booklet der CD auch durch die naiv-kindlichen Zeichnungen angesprochen. Damit wird auf einen zentralen Urspung von Jandls Verfahren verwiesen, die sich die unbewussten Techniken einer kindlichen Sprachlust zueigen machen. Michael Hamburger hat bereits anlässlich Jandls erster (gesprochener) Platte ("Laut und Luise", 1969) angemerkt, dass Kinder - und bekanntlich im Gegensatz etwa zu eingewöhnten KulturträgerInnen - mit dessen Textkapriolen vorzüglich umzugehen wussten. Dass Jandls Sprache oftmals von einer Direktheit und Deftigkeit ist, stört hier wenig. Angesichts einer SouthPark-getrimmten Generation werden selbst die Vorschulaltrigen über Sätze wie "auch badehosen trug ich nur mit scham / weil drin mein genital nur wenig raum einnahm" kaum stolpern. Vielmehr werden sie sich bei Wortsätzen wie "scheißaufsfrühstück!" mühelos ihre je eigenen Bezüge zur sogenannten Realität herstellen.

Auch Jandls wörtliche Umsetzung von Fantasie ("ich reiße mir einen hund aus dem kopf / und einen zweiten hund aus dem darm") erinnert an jene landläufig als kindlich bezeichnete, doch zugleich an eine filmische Plastizität, wie sie etwa in Jan Svankmajers fantastischen Animationsfilmen zu finden ist. Darin ist ihre Spannweite begründet. Diese innere Entspannung und Spannung der Texte ist in der vorliegenden CD auf kongeniale Weise von einem funkensprühenden Jazz durchdrungen. Anlass genug, dass sich die Verse, die Jandl einst an Mathias Ruegg und das Vienna Art Orchestra gerichtet hatte, im Geheimen an Peter Böving und seine Gruppe fortwidmen könnten: "ist auch musik nicht länger in mir drin / hier höre ich musik drin ich enthalten bin".

Martin Reiterer
3. September 2002
http://www.literaturhaus.at/buch/hoerbuch/rez/jandlfunkdenernst/